HeidelBergheim

Freitag, 31. Juli 2009

Ganz schön behindert, ey!

Früher war das eine der gebräuchlichsten Grundschulfloskeln, die es so gab. Neben der Frage "wetten?" bzw., als Variante, "wetten doch?", gebrauchte man ständig das Wort "behindert", und zwar für so ziemlich alles, was außergewöhnlich, unbekannt, unerwünscht oder nicht niet- und nagelfest war, beziehungsweise unbedingt beleidigt werden musste.


Nun habe ich durch meine neue Arbeit eine grundsätzlich andere Auffassung dieses Wortes erlangt und trotzdem erinnerte ich mich völlig unbewusst an ausgerechnet dieses Wort aus Grundschulzeiten, als ich ein zweites Frühstück in der Stadt einnehme und ein ca. 14 jähriger Jüngling und sein weibliches Pendant neben mir Platz nehmen. Er, braunes Haar, verziert mit Mustern, wobei vor allem die elegant an die Schläfen gezauberten Sterne auffallen. Sie, etwas fülliger, der pinke BH mit dem Blümchenmuster quetscht sich nach Freiheit ächzend aus ihrem Top heraus, das, da bin ich mir sicher, eigentlich gar nicht bauchfrei sein sollte.

Unterbewusst schleicht sich nun dieser Satz in mein Hirn und ich habe nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei. Bis - ja, bis die beiden beginnen, in Gebärdensprache zu kommunizieren. Zuerst denke ich an einen schlechten Scherz und damit verbunden an die Spielchen aus der siebten Klasse, wo wir für jeden Buchstaben ein Handzeichen hatten.

Schnell werde ich eines besseren belehrt, erst jetzt fällt mir das dicke Hörgerät des Jungen aus und auch das Mädchen spricht die Worte, die sie mit ihren Händen formuliert nicht aus, ein Indiz dafür, dass sie dazu nicht fähig ist.

Vielleicht sind es Geschwister, vielleicht Freunde, ich weiß es nicht.

Was ich weiß ist, dass sie mir jetzt urplötzlich sympathisch vorkommen, ich in Mitleid versinke, sie anstarre und genau weiß, dass sie das hassen und, dass ich sie nicht mehr als normal ansehe, egal wie ich es drehe und wende.

Und genau das ist mein Problem. Vorbei die Vorwürfe an Frisur und Kleidungsstil, vorbei das verachtende Herabblicken auf die beiden dummen Hauptschüler. Alle Vorurteile sind schlagartig verschwunden. Und noch viel schneller durch neue ersetzt. Die können ja nix dafür, das sind doch bloß Taubstumme...

Warum ist der Mensch nur so grausam?

PS: Natürlich hat der lebendige Geist einen ganz anderen Bezug. Da ich kein Stundent bin, möchte ich das Motto der Uni allerdings nicht unnötig beschmutzen und das Foto unkommentiert zeigen.

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Freitag, 24. Juli 2009

Worauf es ankommt

Es kommt darauf an,


das Treppenhaus selbstverständlich und ohne flauem Gefühl im Magen zu betreten.

keine Angst vor Häuserschluchten zu haben.

die Stadt nicht nur aus der Straßenbahn zu sehen.

die Kneipen in den Seitenstraßen zu betreten.

die Nachbarn zu grüßen.

die Straßen im Dunkel ohne Angst zu durchstreifen.

das schöne Mädchen in der Straßenbahn anzulächeln.

nicht in einem Wust aus U20 und Frauentausch zu versinken.

zu reden.

zu telefonieren.

Menschen kennenzulernen.

zu vertrauen.

zu misstrauen.

das regionale Bier zu trinken.

nicht zu vergessen.

nicht zu klammern.

eine neue Lebensphilosophie zu entwickeln.

zu lieben.

Kann ich das?

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Freitag, 17. Juli 2009

Murphy


W: Guten Morgen!
Yann: Guten Morgen!
W: Bist du nass geworden? Regnet es?
Yann: Ja, wie jeden morgen... Ich muss mir unbedingt mal einen Schirm kaufen.


Gestern begann mein Morgen so:

W: Guten Morgen!
Yann: Guten Morgen!
W: Bist du nass geworden? Regnet es?
Yann: Natürlich nicht, ich habe mir gestern einen Schirm gekauft. Es regnet nicht!

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Donnerstag, 16. Juli 2009

Ruhe da drüben!

Ich habe neue Nachbarn und weiß leider nicht, ob ich sie mit Brot und Salz bezirzen kann.


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Dienstag, 14. Juli 2009

Ohne Worte (1): Fahrradhelm

Entdeckt am Czernyring

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Montag, 13. Juli 2009

Lebensgefahr

Als ich heute bei Aldi an der Kasse stehe und mich nach gefühlten 30 Minuten des Wartens endlich am Ziel sehe, die Kassiererin schon zielstrebig nach dem Pott Jogurt greift und der Scanner nach neuen, unverbrauchten Barcodes giert, passiert es:


Eine raue, vom Leben gezeichnete Frauenstimme ersucht das Schweigen der Stille. Zunächst kleinlaut, um festzustellen, dass ein gewaltiger Frosch in ihrem Schlund schlummert. Nach einer eher unsensiblen Beseitigung des selben gibt sie in gebrochenem Deutsch zu verstehen, dass ihre Handtasche weg sei.

Vorsichtshalber und vorausahnend zynisch werfe ich einen Blick auf die Uhr.

Der Sachverhalt wird schnell klar: Auf der Ablage neben der Kasse lag bis vorhin noch die Tasche der Kundin. Wie gesagt, bis vorhin. Die Kassiererin wäscht ihre Hände in der Unschuld ihres Blickfeldes, das nicht bis zu erwähnter Ablage reicht und versucht, so gelassen wie möglich mit der Situation umzugehen.

Meine Ungeduld wächst.

Irgendwann erlöst die Kundin uns alle, indem sie die Kassiererin höflich, indirekt und unmissverständlich darauf hinweist, dass der Verdacht eines Diebstahls doch sehr nahe läge, ja, sich quasi aufdränge und die Kassiererin offensichtlich die besten Möglichkeiten hatte, jenes Verbrechen zu begehen.

Glück für mich, da das Gespräch an dieser Stelle endgültig beendet ist und die Kassiererin sich auf keine weiteren Diskussionen einlässt.

Später werde ich in der Blücherstraße fast von einem das Dach herunterstürzenden Stein erschlagen. Dabei hatte ich so sicher mit einer Dachschindel oder einer Regenrinne gerechnet. Irgendwann musste es ja passieren, risikofreudig wie ich nunmal täglich unter den betreffenden Dächern entlangtapere.

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Sonntag, 12. Juli 2009

Fünf Gründe, erstklassig zu spielen

1.: Zunächst ist zu erwähnen, dass man als Kunde zweiter Klasse (provokante Wortwahl, ich weiß) immer das Problem hat, dass auch andere zweitklassige Kunden existieren, die zumeist andere Schwerpunkte in ihrem Leben setzen als ich. Ich möchte mich damit natürlich nicht als einen höherrangigen Menschen darstellen, allerdings gibt es unangenehme Unterschiede, die vor allem meine Nase im Regionalexpress letzten Freitag durchaus tangierten. Allein aus Höflichkeit blieb ich neben dem etwas älteren Mann sitzen, der wohl den Großteil seines Besitzes in einer Edekatüte bei sich trug, die garantiert keine Hygieneartikel enthielt.


2.: Des weiteren würden mich als Kunden erster Klasse die überhöhten Preise der Automaten mit allerlei Erfrischungen an den Bahnsteigen nicht mehr jucken. Zumindest nicht so sehr wie derzeit.


3.: Ich müsste nicht mehr mit Tieren, insbesondere Hunden von mindestens 135 Kilogramm, kämpfen.


4.: Ich müsste nicht mehr mit Menschen, insbesondere Kleinkindern und Babys von weniger als 135 Kilogramm, kämpfen.


5.: Ich müsste keine Schulklassen mehr ertragen. Vorweg die Frage: Seit wann kann sich eine sechste Klasse eine Fahrt mit dem IC erlauben/leisten?


Es existieren filigrane Unterschiede zwischen Schulklassen, insbesondere in der Unter- und Mittelstufe. Eine Erkenntnis, die mich einen Haufen Durchhaltevermögen und literweise Schweiß gekostet hat.

Die Klassen eins bis sechs erweisen sich als laut. Mehr muss man dazu eigentlich gar nicht sagen. Und der Eindruck, den die meisten Aufsichtspersonen dieser Klassen vermitteln ruft bei mir meist nur Mitleid hervor.


Die Klasse sieben hat einen gewissen Sonderstatus. Das Verhalten der meisten Schüler dieser Klassenstufe ähnelt sehr dem der Klassen eins bis sechs (hierbei variiert natürlich der Inhalt der Gespräche, der Lautstärkepegel bleibt überraschend konstant), allerdings kommen erste Anzeichen der Pubertät auf, die zunächst körperlich bleiben: Schweißgeruch. Und natürlicherweise kein Gefühl für die richtige Dosierung des Deodorants, wobei es als Segen zu erachten gilt, wenn überhaupt künstliche Duftstoffe den Raum durchdringen. Immernoch erträglicher als Schweißgeruch.

Ab der Klasse acht bis hin zur zehn (mindestens) nimmt die Überdosierung der Hygieneartikel langsam aber sicher ab. Eine schier unerträgliche Mischung aus stimmbrüchigem Gekrächze aus allen Ecken und Enden des Zuges und peinlichstes, pubertäres Verhalten aus Paarungsgründen löst bei mir verzweifelte Erheiterung aus, da ein Entkommen weder durch Kommunikationsversuche meinerseits, noch durch Ignoranz möglich ist.


Die Bahn darf sich meiner Unterstützung gewiss sein, sollte ich jemals in die Erstklassigkeit aufzusteigen in der Lage sein.

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Mittwoch, 8. Juli 2009

Morgenimpressionen

Wer morgens um 6:30 Uhr mit der Straßenbahn durch die Stadt fährt, kann die Müdigkeit an nahezu jedem Gebäude und Menschen haften sehen.


Kehrmaschinen soweit das Auge reicht, flacher Nebel und der Charme einer Tiefkühltruhe durchziehen die Straßen Heidelbergs. Und trotzdem hat diese Szenerie etwas. Hier und da ein paar Fußgänger und Radfahrer und man kann die Stadt dabei beobachten, wie sie langsam aber sicher in den Tag findet.

Mittlerweile sitzt fast jeden Morgen ein Obdachloser auf der Treppe vor dem Hauseingang und hantiert etwas unbeholfen an einem Rosenkranz herum. Er ist alt und sackt so sehr in sich zusammen wenn er sich auf der Treppe niederlässt, das man sein Gesicht nicht mehr erkennen kann. Außerdem trägt er selbst bei Sonnenschein eine kratzige Wollmütze.

Die Straßenbahn fährt morgens ab 5:30 Uhr und mittlerweile wache ich nicht mehr von dem Geräusch auf. Es ist erstaunlich, wie schnell sich der Mensch an neue Umgebungen gewöhnt.

Morgens allerdings strahlt die Bahnstation jedoch eher den Charme einer Duellszenerie eines 80er-Jahre-Westerns aus. Ein völlig ausgestorbener Ort mit endlos scheinenden Schienen. Einzig und allein die wehenden Büsche und einige Sandverwehungen über den Schienen fehlen vielleicht noch.

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Donnerstag, 2. Juli 2009

Nachbarn

Eine Holzplatte (die Betonung liegt auf "eine", ich habe genau aufgepasst!). Eiche. Rustikal. Ein Schleifgerät. Und nicht zuletzt: Ein ganzer Tag. Gut, dass ich heute große Teile des Tages mit Arbeit verbringen durfte, alles andere wäre unmenschlich gewesen.


Als ich nach hause kam, durfte ich dann noch ausführliche Unkrautvernichtungsmaßnahmen beobachten, was natürlich auf dem Foto nicht ganz zu erkennen ist, da die Masse an Wuchs auf den idylischen Terassen erbitterten Widerstand zu leisten scheint, viel ironischer wirkt dagegen jedoch, dass die abmontierte Toilette eisern ihren Posten hält, was dem Terrain einen ganz besonderen und eigenen Charme verleiht.

Mittlerweile ist wieder eisernes Maschinenschweigen eingetreten und das noch vor der Nachtruhe. Da ich jedoch eine Renovierung in der Nachbarwohnung befürchte, bin ich ganz froh, dass ich das erste Wochenende nicht hier, sondern in der hessischen Heimat verbringen werde.

Über das Entfernen von Unkraut sollte ich auf jeden Fall mal nachdenken.

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Mittwoch, 1. Juli 2009

Erste Eindrücke

Himmel ist es schwer, in einer neuen Stadt Fuß zu fassen!


Heute bin ich intensivst mit der Straßenbahn durch die Gegend gefahren und habe mir mehr oder weniger genau die Umgebung angeschaut.

Am Ende der Blücherstraße ist eine Art Kneipe mit Automaten und Billardtischen, heute morgen begegnet mir ein Mann Mitte 60, der einen Nikotingelben Pferdeschwanz sowie einen grauen Anzug trägt und einen Aldi habe ich immer noch nicht gefunden.

Dafür aber ein kleines, türkisches, leicht überteuertes Lebensmittellädchen, aber das tut es fürs erste auch. Außerdem musste ich heute morgen mit Erschrecken feststellen, dass in der Wohnung weder Fön noch Kaffeemaschine vorhanden sind. Wie haben meine Vorgänger ohne diese Utensilien nur überlebt?

Ich glaube, ein wenig muss ich mich noch einleben und ansonsten gibt es ja in jeder Stadt einen Hauptbahnhof, der vom Geldautomaten bis zur Nagelschere alles bietet, was das Herz und der Erhaltungstrieb verlangen.

Das Foto von heute stammt übrigens aus dem Treppenhaus, einer der ersten Eindrücke die mich hier erwarteten.

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