HeidelBergheim

Samstag, 7. November 2009

Heil!

Am Mainzer Bahnhof hat entweder irgendjemand irgendetwas ganz gewaltig falsch verstanden oder seinem unbändigen Zynismus freien Lauf gelassen.


So sieht das auch der rauchende Tarnmusterjackenträger, der, mittags um halb zwei sein erstes (?) Köstritzer Schwarzbier trinkend, meine fotografischen Aktivitäten beobachtet.

"Wasn Idiot, der dass da geschrieben hat! Eigentlich müsste da "Heil dem deutschen Reiche" stehen!"

Seine Argumentation als durchaus schlüssig erkannt, wähle ich den Weg der Zustimmung mittels heftigen Nickens, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass der gute Mann ca. zwei Meter größer ist als ich und Köstritzer Schwarzbier um halb zwei am Mittag trinkt. Leider glaubt er aufgrund meiner Zustimmung ganz offensichtlich, dass er in mir einen neuen Freund gefunden hat und beginnt damit, die komplette halbe Stunde Wartezeit die noch verbleibt damit, mich zuzutexten.

Praktischerweise ziehen just in diesem Moment auf der Brücke die Mannschaftsbusse des FSV und der Hannoveraner vorbei, womit praktischerweise auch gleich ein Gesprächsthema gefunden scheint.

Über Politik reden wir allerdings nicht mehr, ich hätte im Nachhinein allerdings sehr an mir interessiert gerne meine Naziqualitäten ausgetestet.

Labels: , , , , , ,

Montag, 19. Oktober 2009

Allgemeine Landeskunde (1): Italien

Aus rein evolutionären Gründen entscheide ich, dass es doch an der Zeit ist, mal wieder Nahrung aufzunehmen, damit eventuelle Nachkommen keinen Nachteil erleiden müssen. Schriesheim, ganz in der Nähe von Heidelberg, bietet zwar eine imense Fülle an Wein, magenfüllende, vor allem aber sättigende Angebote jedoch sind nicht zwangsläufig in der meinerseits gewünschten Fülle vorhanden.


Ich setze also auf altbewährtes, halte kurz inne und grinse fast stolz, in jedem Falle aber schelmisch in mich hinein, da ich nach dreieinhalb Monaten bereits von altbewährtem rede, und lasse mich im italienischen Restaurant an der Ecke nieder, in dem es die beste Bruschetta gibt.

Wie eingangs bereits erwähnt, trieb mich nicht zwangsläufig ein Hungergefühl, sondern mehr die Vernunft zum Essen. Folglich spähte ich die spärliche kleine Karte auf der Suche nach einer Erfindung der Neuzeit, dem Zwischengang, aus. Nachdem ich Pruschiutto con Funghi ohne Pilze bestellt hatte und mir innerlich gleich nach dem Aufgeben der Bestellung Ohrfeigen en masse verpasste, erntete ich den ersten, völlig zurecht abwertenden und zutiefst verachtenden Blick des italienischen Kellners.

Kellner: "Das heißt, Sie wollen Pruschiutto. Ohne Funghi also."

Innerlich wie äußerlich erötet stimme ich zu und gebe noch an, den Fehler selbst bemerkt zu haben, was nicht gerade entspannend auf die Situation gewirkt hat, was mir wenig später bewusst wurde.

Keine halbe Minute später stand der plötzlich sehr kühl wirkende Mann wieder vor mir um mir mitzuteilen, dass der Ofen kaputt sei.

Ohne lange zu überlegen, da ich den guten Mann seines feurigen italienischen Temperamentes mitten in Schriesheim ja nicht gänzlich entledigen wollte, bestelle ich als Alternative einen italienischen Salat.
Ich habe sein bezauberndes Lächeln für einen kurz Augenblick zurückholen können, sah mich wieder auf der Siegerstraße des diplomatischen Könnens und der internationalen Verständigung, als ich mich sagen hörte: "Aber bitte ohne Ei."

Wort- und Ausdruckslos, völlig entgeistert und kurz davor, mich rauszuschmeißen, drehte er ab um die Bestellung im schlimmsten Gossenitalienisch quer durch das Lokal bis in die Küche zu schmettern.

Mittlerweile hatte meine Hautfarbe ein Grundrot angenommen, dass mir den ganzen Abend erhalten bleiben sollte.

Nachdem ich dann noch ein Drittel der völlig überdimensionierten Portion an Zwiebeln, Käse, Schinken, Radieschen, Gurken, Tomaten und Blattsalate unangetastet lies, war der Abend so gut wie gelaufen.

Dummerweise ging ich auch noch davon aus, diese unglückliche Verkettung unglücklicher Unglücke mit einem satten Trinkgeld ausgleichen zu können. Es stellte sich heraus, dass diese Aktion der Gipfel meiner Respektlosigkeiten gewesen sein musste. Ein letztes verachtendes Grinsen, das Aufwickeln einer seiner italienischen Locken und das aggressivste Ciao meines bisherigen Lebens vollendeten den Abend.

Ich kann nur hoffen, dass er mich nicht dabei erwischt, wie ich den Hund heute Nacht an seine Mauer pissen lassen werde.

Labels: , , , , , , ,

Dienstag, 8. September 2009

Vom Urteilen über Fremde

Es gibt tatsächlich Menschen, deren Geschichte zu erschließen ich aufgegeben habe. Als ich heute zurück nach Heidelberg fahren möchte, spricht mich eine Frau in den 30ern an, deren äußerliches Erscheinungsbild mehr als abenteuerlich ist:

Zunächst wären da die unglaublich seltsamen Proportionen zu erwähnen. Ich schwöre, niemals zuvor Waden solchen Volumens gesehen zu haben. Bekleidet waren diese mit einer weißen, undurchsichtigen Strumpfhose, an der sich wiederum weiße Tennissocken, die ihrerseits in beigen, sicherlich günstig erstandenen, Sandalen eingebettet waren, hochhangelten.

Die Füße übrigens wurden in die eben erwähnten Sandalen gepresst, dass es mir schon vom zusehen einen Schmerz in den unteren Extremitäten auslöste. Wie kleine Würstchen wurde jede Vene sichtbar.

Überdeckt wurde zumindest der Anblick der Strumpfhosenbeine von einem leicht durchsichtigen blauen Rock mit unbeschreiblichen weißen Applikationen, der etwas synthetisch aussah.

Weiße Strickjacke und seltsame Bluse vollendeten das Gesamtbild.

Das heißt, nicht ganz. Das berühmte Tüpfelchen auf dem i trat diesmal durch mithilfe einer Frisur (so das ganze so bezeichnet werden darf) in Erscheinung. Die gute Frau sah um den Kopf herum aus wie eine Rock-Zopflerin, die heute morgen nur sehr schlecht aus dem Bett gekommen ist.

Das sie dieser religiösen Splittergruppe garantiert nicht auf den Leim gegangen ist, wurde nur allzu deutlich, als sie mich in perfektem und sehr gewähltem Deutsch ansprach:

„Guten Morgen. Entschuldigen Sie, aber haben Sie vielleicht Interesse an einem Zippo?“

(Dannach wusste ich dann, was zuhauf in ihrer Obsttüte befindlich war)

Ich denke, auf so seltsame Art und Weise hat mich bisher noch niemand sprachlos machen können.

Labels: , , , ,

Freitag, 31. Juli 2009

Ganz schön behindert, ey!

Früher war das eine der gebräuchlichsten Grundschulfloskeln, die es so gab. Neben der Frage "wetten?" bzw., als Variante, "wetten doch?", gebrauchte man ständig das Wort "behindert", und zwar für so ziemlich alles, was außergewöhnlich, unbekannt, unerwünscht oder nicht niet- und nagelfest war, beziehungsweise unbedingt beleidigt werden musste.


Nun habe ich durch meine neue Arbeit eine grundsätzlich andere Auffassung dieses Wortes erlangt und trotzdem erinnerte ich mich völlig unbewusst an ausgerechnet dieses Wort aus Grundschulzeiten, als ich ein zweites Frühstück in der Stadt einnehme und ein ca. 14 jähriger Jüngling und sein weibliches Pendant neben mir Platz nehmen. Er, braunes Haar, verziert mit Mustern, wobei vor allem die elegant an die Schläfen gezauberten Sterne auffallen. Sie, etwas fülliger, der pinke BH mit dem Blümchenmuster quetscht sich nach Freiheit ächzend aus ihrem Top heraus, das, da bin ich mir sicher, eigentlich gar nicht bauchfrei sein sollte.

Unterbewusst schleicht sich nun dieser Satz in mein Hirn und ich habe nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei. Bis - ja, bis die beiden beginnen, in Gebärdensprache zu kommunizieren. Zuerst denke ich an einen schlechten Scherz und damit verbunden an die Spielchen aus der siebten Klasse, wo wir für jeden Buchstaben ein Handzeichen hatten.

Schnell werde ich eines besseren belehrt, erst jetzt fällt mir das dicke Hörgerät des Jungen aus und auch das Mädchen spricht die Worte, die sie mit ihren Händen formuliert nicht aus, ein Indiz dafür, dass sie dazu nicht fähig ist.

Vielleicht sind es Geschwister, vielleicht Freunde, ich weiß es nicht.

Was ich weiß ist, dass sie mir jetzt urplötzlich sympathisch vorkommen, ich in Mitleid versinke, sie anstarre und genau weiß, dass sie das hassen und, dass ich sie nicht mehr als normal ansehe, egal wie ich es drehe und wende.

Und genau das ist mein Problem. Vorbei die Vorwürfe an Frisur und Kleidungsstil, vorbei das verachtende Herabblicken auf die beiden dummen Hauptschüler. Alle Vorurteile sind schlagartig verschwunden. Und noch viel schneller durch neue ersetzt. Die können ja nix dafür, das sind doch bloß Taubstumme...

Warum ist der Mensch nur so grausam?

PS: Natürlich hat der lebendige Geist einen ganz anderen Bezug. Da ich kein Stundent bin, möchte ich das Motto der Uni allerdings nicht unnötig beschmutzen und das Foto unkommentiert zeigen.

Labels: ,